BALI / JAVA
APRIL bis JUNI 2012
Bali war mein ursprüngliches Ziel. Ich hatte vor Jahren von einer Kommilitonin gehört, wie toll es da war (danke Astrid!). Mein Ziel war Ubud, da es seit jeher das Zentrum des Kunsthandwerks war und auch wenn mir wenig über mich selbst klar war, dann doch, dass der Hang zu schönen Dingen ausgebildet ist. Bali war mir auch noch aus meinem Ethnologiestudium (Europäische Ethno-logie wohlgemerkt) ein Begriff. Eines der wenigen wirklich wichtigen Bücher meines Studiums ist Clifford Geertz' „Dichte Beschreibung“, in dem das Kapitel über den Balinesischen Hahnenkampf eine ikonengleichen Platz in den Geisteswissenschaft einnimmt und wahrscheinlich einer der wenigen Texte der klassischen – außereuropäischen – Ethnologie ist, den ich sowohl gelesen, als auch im Gedächtnis behalten habe. Generell werden die Balinesen als extrem freundlich und offen anderen Kulturen (und damit auch Touristen) beschrieben. Das Wetter ist gut, die Vegetation üppig, es gilt als absolut ungefährlich und das spirituelle Leben der Balinesen ist immer und überall gegenwärtig – alles Gründe, mich hier allein für etwas länger herzuwagen. Ich hatte den Weiterflug nach Java, der Nachbarinsel mit der Hauptstadt Indonesiens, für drei Wochen später ge-bucht. Was ich nicht über Ubud wußte, war, daß es damals schon das zweitgrößte Yogazentrum der Welt nach Rishikesh war und dass hier gerade das riesige Yoga-festival BALISPIRIT zu Ende gegangen war. Über Jahre hat sich hier quasi eine Parallelgesellschaft mit „spirituellen“ Touristen beziehungsweise spirituellen Reisenden aus der ganzen Welt entfaltet, die eine komplette Infrastruktur bestehend aus Cafés, Läden, Hotelanlagen, Spas, Unterkünften und im Yogaschulen im engeren und weiteren Sinne mit sich brachte. Spiritualität war für mich einer der Hauptgründe gewesen, nach Bali zu reisen – nun fand ich sie jedoch nicht bei der indigenen Bevölkerung (oder hier „nur“ als Setting) sondern in den facettenreichen Überzeugungen der spirituellen Community, die aus der ganzen westlichen Welt zusammen-gekommen waren.
Nach drei Unterkunftswechseln fand ich einen wundervollen Raum in einem grünen Hinterhof mit der üblichen kleinen Privat-tempelanlage, hinter der es eine grüne Schlucht gab, so das die Naturnähe und Ruhe hier stärker als im restlichen Ort ausgeprägt waren. Gleich am nächsten Tag kam ich vor meinem Haus mit einer deutschsprachigen Polin ins Gespräch und ehe ich mich versah, lernte ich Leute über Leute kennen. Der Verknüpfungspunkt war ein „spirituelles Zentrum“ in dem alles Umsonst war. Der LOVE SPACE brachte Leute zusammen, jeder konnte anbieten was er wollte, es ging ums Teilhaben und miteinander erleben („sharing“ im Englischen). Wir meditierte hier, machte Yoga, Acroyoga, hawaianisches Windyoga, einen Massagekurs und eine Trance mittels Atemtechnik. Wir bemalten die Wände, dann - bei einem traditionellen balinesischen Kunsthandwerker - Sarongs, flochten Dreamcatcher und hörten einen professionellen Vortrag über den Mayakalender. Darüber hinaus gab es viele Sharingcircle, Ausflüge zum nahegelegenen Wassertempel und immer wieder Ecstatic Dance. Für mich tat sich eine ganz neue und unglaubliche Welt auf. Ich dachte, so müssen sich die Hippies in den 70ern gefühlt haben! Ich lernte viel über mich, aber auch über andere, über Spiritualität – gelebte und gewollte – und bekam eine Vorstellung von der un-glaublichen Diversität der verschiedenen Traditionen und ihren Ausprägungen. Die drei Wochen waren schnell um und, wie im Grunde alle die ich traf, buchte ich den Flug um. Auf eine Woche später. Und eine Woche später. Und eine Woche später. Letztlich blieb ich sechs statt drei Wochen. Danach verbrachte ich mit Moss, der den LOVE SPACE gegründet hatte, eine Woche auf Java. Die Hauptinsel ist im Unterschied zu Bali, das hinduistisch ist, muslimisch und beide Inseln werden sehr unter-schiedlich beschrieben. Ich war erstaunt, wie stark ich das „indonesische“ als nivellierend empfand und der Unterschied für mein Empfinden nicht so drastisch war, wie ich es beschrieben bekommen oder gelesen hatte. Dennoch wurde mir die Sonderstellung Balis mit seinem hinduistischen Erbe in der speziellen balinesischen Ausprägung klar. Wir waren fast die gesamte Woche in Yogyarkarta, das als kulturell offen und für junge Leute interessant gilt – das hat mein spezielles Bild von Java sehr eingefärbt. Die beiden Ausflüge, die wir – mit dem Mofa! - zu den beiden großen Tempelanlagen Prambanam und Borobudur unternahmen, zählen für mich bis heute zu den absoluten Höhe-punkten – wohl auch, weil ich zu diesem Zeitpunkt bereits seit zehn Jahren meditierte. Prambanan ist die größte hinduistische Tempelanlage Indonesiens und Borobodur die größte buddhistische Tempelanlage der Welt!
Der Abschied von Indonesien war abenteuerlich: Der Flug zum großen Flughafen in Jakarta verspätete sich und wir verpassten unsere Anschlußflüge (ich nach Bangkok und Moss nach Manila). So verbrachte ich meine erste und einzige Nacht bisher auf dem Flughafen (auf einer Yogamatte). Am nächsten Tag ging es dann aber mit einem Umweg über Singapur zurück nach Bangkok.