KANADA
KANADA
AUGUST bis OKTOBER 2012
Die erste Station in Kanada war Dawson City. So etwas hatte ich bis dahin nicht gesehen. Die Stadt sah nicht nur aus wie aus dem vorletzten Jahrhundert, sondern – was mich vor allem verblüffte – wie eine Westernstadt. Die Kommune hatte beschlossen, dass große Supermarktketten nicht zugelassen werden, so daß der komplette Warenverkehr über kleine Läden lief. Im Sommer ist die winzige Stadt ein Besuchermagnet – für den individualtourismus wie für orgnisierte Reisen, die vor allem die Nordroute Kanada/ Alaska zwecks der Naturschauspiele wie den Nordlichtern und Gletschern nehmen. Es gibt demzufolge ein kleines Museum, ein größeres Hotel (in einem Gebäude mit klassischer Holzfassade) und – ganz wichtig für Image – ein Casino mit Showbühne (Girls tanzen Cancan – das volle Programm)! Es gibt aber auch eine Bibliothek und eine Kunsthochschule. Außerhalb der Saison – und hier kann es Ende September schon Schnee geben - schrumpft der Ort – alle saisonalen Arbeitskräfte fahren ab und es bleiben die ca. 300 Einwohner übrig, von denen einige tatsächlich in Holzhütten wohnen, die aus einem einzigen Raum bestehen. Im Winter friert auch der Fluss (der Yukon) und die Fährverbindung und damit die Verbindung nach Alaska wird eingestellt. Mit dem Schnee kmmt alles zum erliegen.
Das gleiche gilt auch für Keno, ein unvergleichlich kleinerer Ort mit ca. 30 Einwohnern ca. 4 Fahrtstunden von Dawson – und damit der nächsten Einkaufsmöglichkeit, in Keno gibt es keinen Laden – entfernt. Nach Keno kamen wir durch einen kanadischen Fotografen, der hier eine Schürfgrube angemeldet hatte, die ihn berechtigte für eine geringe Summe die beiden dort befindlichen Blockhütten zu nutzen. Für ihn war es ein Sommerdomizil in der Wildnis – es gab weder Wasser noch Strom und auch keinen Weg, den letzten Kilometer vom Parkplatz der ein paar Meilen außerhalb des Ortes war, mußte man einen überwucherten Trampelpfad durch den Wald nehmen. Wir halfen die Hütten zu reparieren, die Lichtung zu roden und die Schürfanlage wieder in Gang zu bringen. Die Leute, die ich im Yukon kennenlernte unterschieden sich in ihrer Beziehung zu der Gegend grund-legend voneinander. Während die Leute in Anchorage/Alaska alle beruflich – entweder wegen der Ölindustrie oder des Militärs – auf Zeit dort waren und die Wochen zählten, bis sie wieder weg konnten, waren im Yukon alle aus freien Stücken. Sie liebten die Gegend, die Abgeschiedenheit, die Wildnis. Es waren Einzelgänger und Abenteurer. In Keno hatte ich das Gefühl noch etwas von dem Geist der alten Goldgräbermenatlität erahnen zu können.
Unsere Reise führte uns langsam aber doch Stück für Stück durch nicht enden wollende Landschaften die Tag für Tag durch mehr und mehr Anzeichen einer Zivilisation unterbrochen wurde. Weiter oben fährt man Stunden, ohne ein Haus oder auch nur ein anderes Auto zu treffen. Desto südlicher wir kamen, desto abwechs
lungsreicher wurde auch die Landschaft – wir fuhren durch British Columbia nach Vancouver. Die Stadt war fast ein Schock nach dieser langen Zeit in der Natur und der Abgeschiedenheit. Es war auch eine spezielle Erfahrung in einer Großstadt in einem Auto zu schlafen. Wir blieben nur drei Tage und setzten dann über nach Vancouver Island.
Hier besuchten wir Violett, eine eigensinnige Yogalehrerin, die mit Jim befreundet war und die Moss aus Toronto kannte. Sie wohnte mit ihren zwei Hunden in einem Haus in einem Vorort, der aus einem x-beliebigen amerikanischen Film zu stammen schien. Die viel beschworen-en Unterschiede zwischen Kanada und den USA sind oft auch für mich als Europäer offensichtlich und extrem, aber in manchen Punkten verschwimmt es für mich – dieser Vorort war einer von ihnen.
Aber ich genoss es, nach so langer Zeit wieder in einem Bett zu schlafen, Videos aus der Videothek (ja! 2012 prä-netflix!) zu schauen und in einer Küche zu kochen. Sich morgens in einem Bad und nicht einem Caféklo zu waschen und die Zähne zu putzen hatte auch was für sich. Von hier aus machten wir ein paar mehrtägige Ausflüge in die Gegend um Tofino, einem Küstenort mit wildem Meer und alternativer Szene, ebenso wie mit Küstenrund-gängen und Waldwegen, die zu ewig alten, riesengroßen Bäumen führte. Die Natur war es dann auch, die ich in dem Vorort am meisten vermisste und bald fuhren wir auch weiter - auf eine noch kleinere Insel. Salt Spring Island hatte nur drei Ortschaften und war für seine schöne Landschaft, die tolerante und spirituell angehauchte Einwohnerschaft (Ekkehard Tolle lebt hier) bekannt. Wir verbrachten hier noch zwei Wochen, bevor ich Mitte Oktober – mit einer Woche Zwischenstopp in Deutschland – nach Indien weiterreiste. Ich würde in 3 Monten wieder zurückkommen, um auf Moss zu treffen, der inzwischen einen Job als Barista und eine kleine, günstige Hütte im Wald gefunden hatte. Zusammen wollten wir dann sehen, ob es hier eine gute Basis für uns gäbe, oder ob es weiter nach Südamerika, zurück nach Bali oder irgendwo ganz anders hin gehen sollte.