INDIEN
INDIEN
OKTOBER 2012 bis Januar 2013
Die Entscheidung nach Indien zu fahren, hatte ich auf Bali getroffen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie ich davon erfahren hatte, aber ich wußte, dass Jörn, den ich in Deutschland im Vipassana-Meditaionszentrum kurz kennengelernt hatte, eine Dhamma Yatra – eine Pilgereise zu den wichtigen Stätten die mit Gautama Buddha verbunden waren, organisierte. Sie sollte drei Wochen gehen und ich wollte danach noch eine Weile bleiben und alleine weiterreisen– wenn man schon mal da ist. Indien gilt bei allen spirituell Bewanderten als ein Muss, aller- dings auch als nicht ohne und so war ich froh, über die Yatra, eine gewissermaßen „geführten“ Einstieg zu bekommen. Jörn machte seit über 25 Jahren Führungen in Indien und Nepal und hatte nun erstamlig eine Reise ausschließlich für Vipassanameditierende organisiert. Da ich seit Barcelona jeden Tag 2 h „saß“ wie es im Fachjargon heißt, kam mir das sehr entgegen. Nicht nur, daß wir morgens und abends eine Stunde zusammen meditieren würden, wir würden dies vor allem in den verschiedensten buddhistischen Tempeln und an heiligen Orten tun.
Nach der intensiven Zeit zu zweit mit Moss (und LOLA) im Nichts (also der kanadischen Wildnis) war es eine schöne Vorstellung, in der Gruppe verschwinden zu können. Außerdem hatte ich Nadine, einer Freundin aus dem Studium, die auch meditierte von der Yatra erzählt. Sie kam mit und ich hatte nun auch noch eine Freundin dabei, mit der ich reden konnte. Das war besinders wichtig, da ich am zweiten Tag in Indien eine E-Mail von Moss erhielt, die mir erklärte, dass ich gern wieder kommen könnte – aber nicht als seine Freundin. Zum Glück gab es Nadine, eine tolle Gruppe Meditierender, einen Plan für die nächsten drei Wochen und viele wunderbare Orte, die mich erwarteten.
Die letzte Station der Yatra war Bodhgaya – der Ort an dem Buddha seine Erleuchtung erlangte. Ich und ein paar aus der Gruppe blieben, um im VipassanaZentrum vor den Toren der Stadt einen 10 Tageskurs zu sitzen. Danach zerstob die Gruppe. Nadine fur gen Westen nach Kalkutta, während ich gen Osten fuhr, um über Delhi weiter in den Norden nach Dahrammsala zu fahren. Hier, 2000m hoch im Himalaya, hat der Dalai lama und die vertriebene tibetische Gemeinschaft ein Exil gefunden. Der Dalai Lama sollte hier vom 24.-26.12. eine Reihe von Vorträge halten und ich dachte mir, das wäre doch eine gute Weihnachts-alternative für dieses spirituelle Jahr. In Dahramsala kreperlte ich jedoch zeimlich rum: ich war noch kränklich von der Lebensmittelvergiftung, die ich mir in Bodhgaya direkt nach der Yatra zugezogen hatte und die unbewußte und vor allem völlig sinnfreie Antibiotikabehandlung gab mir den Rest. Ich wußte so recht auch nichts mit mir anzufangen, der kleine Ort und seine Einwohner waren sehr auf Touristen eingestellt, um nicht zu sagen abgehärtet und dann wurden auch noch die Vorträge abgesagt. Ich beschloss weiterzuziehen. Rishikesh war ganz in der Nähe – ganz in der Nähe nach indischem Maßstab wohlgemerkt: das meint 12h Busfahrt über Nacht bei ca. 4 °C und Fenstern die nicht zu schließen waren... In Rishikesh kam ich auch nicht weiter. Ich hing genauso in den Seilen wie in Dahramsala. Ich telefonierte mit Nadine, die sich inzwischen in den Bergen von Darjeeling herumtrieb. Sie erinnerte sich beim, das sie beim Yogafestival in Berlin einen Vortrag von dieser unglaublichen, alten Frau gehört hatte, die seit 30 Jahren in einem Ashram lebte und ihm nun als spirituelle Leiterin (als Mataji) vorstand. Sie googelte: ja, er war 30 min entfernt. Ich rief an: ja, ich konnte kommen. Im hinduistischen Ashram konnte ich morgens um 4:00 am Puja (Gesangsgebet) teilnehmen, danach für mich meditieren, vor dem Frühstück 2h am Yoga machen und nachmittags einen Ayurvedakochkurs belegen! Ich blieb drei Wochen, verbrachte Weihnachten und Neujahr dort. Sammelte Kräfte. Anfang Januar ging es noch einmal nach Varanasi, der heiligen Stadt am Ganges, die wir schon kurz auf der Yatra besucht hatten. Sie gilt mit 6000 Jahren als eine der ältesten Siedlungen der Welt und ist den Hindus heilig. Wer hier stirbt – und verbrannt wird! – kommt direkt in den Himmel. Demzufolge komme viele Hindus nur zum Sterben her und werden an einem speziellen Ghat (kleine Passage zum Fluss) verbrannt, was nicht nur für einen speziellen Geruch, sondern auch für eine speziell Stimmung sorgt. Es heißt man liebt oder hasst die Stadt, es gibt nicht dazwischen. Ich kam gern zurück. Nadine kam auch und so gingen wir gemeinsamen zu den Vorträge des Dalai Lama, die nun hier stattfanden.
Als Abschluss und „Urlaub“ flog ich noch für die restliche Woche nach Jaipur in Rajasthan, was schon allein eine lange Reise wert gewesen wäre. Zurück ging es mit einer - für mich bizarren - Übernachtung im verschneiten Oslo. Am Tag darauf stand ich bereits als Hostess im Daimler Gebäude Unter den Linden und erklärte den Leuten der Abendveranstaltung, wo sie die Toiletten und wo das Buffet finden. Es sollte über ein Jahr dauern, bis ich genug gearbeitet und gejobt hatte, um mich 2014 wieder auf in die große weite Welt zu machen. Davon wußte ich im Januar 2013 aber noch nichts.